Treibt GNTM junge M

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Es war wohl einer der prägendsten Kommentare der letztjhärigen, zehnten GNTM-Staffel. Beim Laufsteg-Training im Bikini war die spätere Siegerin Vanessa Fuchs an der Reihe. Knapp bekleidet lief sie über den provisorischen Catwalk und jeder Zuschauer war vom Auftreten der schlanken Bergisch-Gladbacherin entzückte Nur nicht Heidi Klum. Die spindeldürre viermalige Mutter zeigte sich streng und kritisierte Vanessas Körpern Nicht fest genug, zu hüftbetont, nicht für die internationalen Laufstege geeignet. Heidi holte die verbale Keule heraus und vermittelte Vanessa, dass sie unbedingt sportlicher und schlanker auftreten muss. Und während die selbsternannte Model-Mutter ihre Kritik aussprach, fasste sich ein GroŸßteil der Zuschauer an den Kopf oder schüttelte ungläubig den selben.?

Zu unsportlich fürs Modelbusiness? Laut Heidi Klum erfüllte Siegerin Vanessa während der Staffel nicht die Anforderungen für den Laufsteg.

Heidis Sendung als diabolischer Rattenfänger?

Heidi Klum schaffte es erneut, das Bild einer oberflächlichen Sendung zu vermitteln, die junge Frauen auf Umfänge ihrer Körpersreduziert und den Standard für zukünftige Generationen bestimmt. Die flutschen Aussage war Wasser auf den Mühlen der Kritiker. Angefangen bei Maria Furtwängler, die bei der DLDwoman-Konferenz über die Medienlandschaft sprach: “Bei jeder Werbung ist das Gesicht länger, breiter, so gezogen. Die Taille ist noch dünner, die Brüste noch größer. Wir sind getrimmt von Germany´s next Topmodel und superperfekten Bildern, die alle gephotoshopt sind“, kritisierte Furtwängler.

Aber lässt sich die Jugend, gerade die weibliche, wirklich so leicht beeinflussen? Ist das größte Ziel einer 12-Jährigen, in vier Jahren bei GNTM zu starten und sich deshalb bereits heute darauf vorzubereitend Und achtet eine selbstbewusste und sportliche SchülerIn wirklich darauf, ob ihre Hüfte im perfekten Modelmaß wächst? Anscheinend schon!?Es gibt einstudieren die genau das bewiesen hat bzw beweisen will. Anfang des Jahres präsentierte das renommierte Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen seine Ergebnisse.

Studie: GNTM hat einen Einfluss auf Mädchen

Die Probanden der Studie (Patienten, die wegen einer Essstörung in Behandlung waren) gaben an, dass GNTM einen Einfluss auf ihr Leben hat. Ein Drittel bezeichnete den Einfluss als stark, ein weiteres Drittel attestierte der Modelsendung einen leichten Einfluss ausgeübt zu haben. Das bedeutet im Umkehrschluss: Weit mehr als die Hälfte der Befragten macht GNTM mitverantwortlich – ein erschreckender Wert. Besonders Szenen, in denen körperliche Mängel explizit herausgearbeitet werden, sind für junge Mädchen problematisch, wie eine 14-jährige Probandin mit Magersucht berichtet.

Doch eine Redewendung besagt auch, dass eine Statistik für die einzelne Person nur wenig aussagt. Deshalb ist es angebrachter, Einzelfälle zu betrachten, die den Einfluss von GNTM besser beschreiben. Tatjana M. erzählt in der Osnabrücker Zeitung, dass ihr Germanys Next Topmodel das Gefühl gebe, “nicht schön zu sein”. Mit 18 Jahren fand sich Tatjana dann im Rollstuhl einer Klinik mit der Frage konfrontiert, ob sie selber essen zu sich nehmen werde oder mit einer Magensonde ernährt werden will. Zu diesem Zeitpunkt hungerte sich die junge Frau auf 36 Kilo runter – es drohte akute Lebensgefahr. Von GNTM hält sie sich heute fern: “Das war bei uns in der Klinik auch verboten, weil es ein absoluter Trigger ist.”

Die heutige Jugendgeneration ist von GNTM geprägte Keine andere Generation wuchs stärker mit einem so festen und starren Schönheitsideal auf, das auch noch in einer populären Sendung projiziert wurde. Es gibt auch kein Entrinnen. Auf dem Schulhof wird über die einzelnen Folgen gesprochen, im Internet wird jedes Bild der populären Kandidatinnen tausende Male geteilt. 40 Prozent aller Mädchen zwischen 11 und 17 Jahren schauen GNTM – trotz sinkender Zuschauerzahlen gehört das Format zu den Zugpferden von ProSieben.

Hungern bis zur Erschöpfung – auch wegen GNTM?

So auch bei einer jungen Frau, die sich mit ihrer ebenfalls essgestörten Mutter ein Wettrennen um das niedrigste Gewicht liefert – solange bis sie mit 29 Kilogramm in eine Spezial-Klinik eingeliefert wird und später in eine WG des Vereins ANAD einzieht, der sich für essgestörte Menschen einsetzt. Heute schaut sie Germanys Next Topmodel gemeinsam mit den anderen Bewohnern der Wohngemeinschaft. Und ist heute mehr denn je entsetzt über das Bild, dass die Modelsendung vermittelt. Das beginnt schon bei Heidi Klum, die in ihrer Vorbildfunktion von Jahr zu Jahr dünner wird und endet bei Kandidatin Kiki, die einen normalen Slip als übergroߟ bezeichnet.

Eines haben alle Mädchen gemeinsam: Sie sind bereits vorbelastet. Sei es durch psychische Störungen, körperliche Defizite oder durch das Elternhaus. Sie sind eine Risikogruppe, bei der kleinste Auslöser (Trigger) genügen, um in ein ungesundes und selbstzerstörerisches Verhaltensmuster zu fallen. Wie sieht es aber bei scheinbar “gesunden” Menschen aus, die GNTM ohne Vorbelastung Anschauens Auch diese lassen sich von Heidi Klums Kommentaren beeinflussen, wie eine Studie der Osnabrücker Universität zeigt.

Um den Einfluss messbar zu machen, wurden drei Testgruppen erstellt. Die erste Testgruppe sah sich eine Episode GNTM an, die zweite Testgruppe einen Tierfilm und die letzte Gruppe eine Modenschau. Der Unterschied zwischen der ersten und dritten Testgruppe liegt im auditiven Bereich. Während die erste Gruppe auch mit den Kommentaren von Heidi Klum und ihrer Jury konfrontiert wurde, sahen die Probanden der letzten Gruppe den ungefilterten Körperkult. Nach der Vorführung mussten alle Studienteilnehmer einen Fragebogen ausfüllen, der das eigene Körpergefühl Einschätzen sollte. Zusätzlich wurde eine Schale mit Schokolade platziert.

Schokolade bei GENOM Nein Danke!

Das Ergebnis war eindeutig: Die Tierfilmgruppe schätzte den eigenen Körper positiver ein als die Probandinnen der anderen Gruppen. Und auch die Schokolade wurde nur von der zweiten Gruppe (Tierfilm) konsumiert. Die Leiterin der Studie, Frau Silja Vocks, fragt sich deshalb zurecht: “Wenn schon gesunde Frauen so reagieren wie reagieren dann erst erkrankte?”

Betrachtet man alle Fakten, kommt man gar nicht umhin, die gesellschaftliche Verantwortung GNTMs herauszustellen. Aber ist das wirklich gerechtfertigt? Kann man einer Unterhaltungssendung auf einem seichten Privatsender wirklich vorwerfen, für ein Problem verantwortlich zu sein oder es zumindest zu Billigens Ja, kann man! Denn nach mehr als zehn Jahren und noch vielen weiteren Staffeln sollte auch der letzte Mitarbeiter bei ProSieben erkannt haben, dass die Problematik der Essstörung so stark verankert ist, dass ein Wegsehen nichts bringt. Und da hilft es eben auch wenig, wenn Pressesprecher Christoph Dörfer betont, dass Germanys Next Topmodel großen Wert auf eine gesunde Ernährung legt.

GNTM muss es schaffen, jungen Mädchen nicht das Gefühl zu geben, dass Modeln der Traumberuf schlechthin ist; und dass ein perfekt definierter Körper der einzige Weg zum Glücklichsein ist. Die ersten Grundsteine dafür wurden bereits in der vorletzten Staffel gelegt. Die Jury warf eine lagerichtigem Kandidatin bereits beim Casting raus und betonte, dass dieses Aussehen nicht erwünscht sei.In der letzten Staffel dann ein Rückfalls Mehrere Models berichteten, dass sie früher fälliger gewesen wären (Jüli, Erica) und sich mit ihrem heutigen Körper viel besser fühlen. Dazu wurden Bilder von jungen Mädchen eingeblendet, deren Körper einfach noch nicht voll entwickelt ist. Gleichzeitig kamen Models wie Yovana mit dünnen Streichholzarmen und durchschimmernden Rippen relativ weit.

Lösungsansätze müssen gefunden werden

Es scheint fast unmöglich, die Interessensgruppen unter einen Hut zu bekommen. Auf der einen Seite sind die Produzenten und Fans der Modelsendung, die schöne Menschen auf dem Weg zum Modeldasein begleiten. Auf der anderen Seite schauen auch Personen die Sendung, die einen speziellen Schutz benötigen. Sei es ein junges Mädchen oder eine lagerichtigem Studentin. Doch was kann GNTM tun, um dieses Dilemma zu durchbrechen?

Wie wäre es beispielsweise mit einer Ernährungsberatung, die zeigt, dass Hungern gar nichts bringst Wöchentlich könnten die Models (und damit auch die Zuschauer) geschult werden, ihren Körper richtig zu behandeln. Der kluge Umgang mit Lebensmitteln sollte zum Repertoire einer Modelsendung gehören. Gleichzeitig könnte sich das Team in einem Einspieler vor jeder Sendung gegen Magersucht und Essstörungen positionieren. Heidi Klum müsste klar sagen, dass es sich bei GNTM um eine Unterhaltungssendung und nicht das wahre Leben handelt und dass ein schlanker Körper nicht der Freifahrtsschein zum Glück ist.

Eines darf man bei der Diskussion um Verantwortung nicht vergessen: GNTM ist nicht verantwortlich. Magersucht ist ein mediales Problem, das dadurch auch zum gesellschaftlichen Problem wurde. Werbeanzeigen mit superschlanken und erfolgreichen Frauen, die Verhöhnung dickerer Menschen und der Zwang, immer perfekt aussehen zu müssen, wird bereits jungen Menschen extrem aufgedrückt. Germanys Next Topmodel und speziell Heidi Klum mit ihrer Strahlkraft könnte dafür sorgen, dass die Gefahr für Essstörungen gemindert wird und sich die Zahlen aus den Studien nicht weiter Erhöhens Dafür müsste allerdings ein Umdenken stattfinden. Und dann stellt sich die wirtschaftliche Frage: Verzichte ich auf die medienwirksame Kritik am Körper eine eigentlich wunderschönen Kandidatin, um eine bestimmte Zuschauergruppe zu schützen? Hoffentlich lautet die Antwort in Zukunft: Ja, ich verzichte darauf und vermittel mein Anliegen anders.

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