GNTM-Folge 7: Heidi Klum und das zynische Kompliment

Die Mädchen sind geschockt: Das erste Nacktshooting steht an! Dabei werden keine Ausnahmen gemacht: Der BH muss auch aus, sonst gibt es kein Foto. Außerdem gibt es wieder weitere Streitereien zwischen Sabine und Greta.Wer wird in die nächste Runde kommen? Bild: Pro7/Glomex
Der Entscheidungswalk steht an und diesmal wird es bunt. Die andere Herausforderung ist die, dass die Mädchen nackt und synchron vor der Jury laufen müssen. Da liegen die Nerven vieler Mädchen natürlich blank. Wer wird den Walk meistern Bild: Pro7/Glomex
Der Entscheidungswalk steht an und diesmal wird es bunt. Die andere Herausforderung ist die, dass die Mädchen nackt und synchron vor der Jury laufen müssen. Da liegen die Nerven vieler Mädchen natürlich blank. Wer wird den Walk meistern Bild: Pro7/Glomex

Hach Heidi: Du bist schon ein Unikat. Wie du immer völlig überbelichtest vor dem Kamerateam sitzt, wie du mit (mittlerweile nicht mehr ganz so) piepsiger Stimme aus dem Off kommentierst oder Modesünden der letzten Jahrzehnte spazieren trägst. Doch ab und zu setzt du die Latte der Skurilität noch ein wenig höher. In Folge 7 von GNTM 2017 geschah dies beim Nacktshooting mit Kandidatin Julia. Die schüchterne Österreicherin brauchte einen Moment, bis sie ihre Position fand und stellte den Fotografen vor eine Geduldsprobe. Als dann endlich ein Schuss im Kasten war, kommentierte Heidi süffisant: „Wenn man Julia von der richtigen Seite fotografiert, sieht das Gesicht ganz hübsch aus“.

Das ist in etwa so, als würde ich zu George Clooney sagen: „Im richtigen Licht, kann man leichtes Schauspieltalent erkennen.“ Wenn ein Model nur in einer Position ein schönes Gesicht hat, kann es wohl definitiv nicht als Model bezeichnet werden. Die Aussage ist in sofern auch interessant, da Heidi in den vorangegangenen Folgen immer noch von der fotografischen Schönheit Julias ausgegangen ist. Nicht nur das: Julia wurde sogar als eine der besten beim Shooting ausgezeichnet. Bis zu dem Kompliment aus der Hölle. Bereits zu diesem Zeitpunkt hätte man als Zuschauer merken müssen, dass die Zeit von Julia abgelaufen ist. Am Ende musste das scheue Reh als einzige Kandidatin den Heimweg antreten – und das in einer sehr ungerechten Entscheidung. Doch dazu später noch ein Wort.

Ist das noch Modeln oder schon ein strafbares Sexualdelikt?

Insgesamt sehe ich das Nacktshooting kritisch. Das liegt grundsätzlich an zwei Aspekten. Da sind zum einen die Posen: Während einige Models einigermaßen ansprechend an einer Wand lehnen durften, mussten sich andere lasziv auf dem Boden räkeln. Und auch wenn das Bodypainting einiges verdeckte, sahen doch viele Mädchen aus wie (und entschuldigt den drastischen Ausdruck) frisch vergewaltigt. Es entspricht einfach so gar nicht meiner Vorstellung von Ästhetik, wenn junge Models nackt in einer Skateanlage liegen und nicht entscheiden dürfen, ob sie einen BH tragen oder nicht. Der zweite Aspekt ist televisionär verankert: Es ist ja schön und gut, dass in Zeiten von HD nicht jede Brustwarze auf dem Silbertablett präsentiert wird. Doch jeweils einen großen Pixelkreis um den Lendenbereich und einen großen Pixelkreis um den Brustbereich zu legen, widerspricht dem Anspruch einer Modelsendung. Ich habe gerade beim finalen Walk keinerlei Vorstellung, wer gut gelaufen ist oder wessen Körper gerade nicht in „shape“ ist. Stattdessen weiß ich jetzt, dass die Videoeditoren von ProSieben offensichtlich keine Lust hatten, nur kleinflächig zu verpixeln. Dann kann man sich das Nacktshooting und den Nacktwalk auch sparen. Denn bei aller Quoten-Geilheit und jedem noch so aufreizenden Teaser – am Ende war die „Nude“-Episode eine der nichtssagenden Folgen.

Dennoch hier noch eine kurze Auswertung des Nacktshootings: Dass Giuliana noch nicht so richtig weiß, wie sie mit dem neuen Körper umzugehen hat, kristallisierte sich bereits in den vergangenen Folgen heraus. Das kleiderlose Shooting zeigte nun aber noch mal genau auf, woran es der Grazie fehlt: an Erfahrung. Denn während Romina beispielsweise genau wusste, wie jede Körperpartie richtig in Szene zu setzen ist, quälte sich Giuliana durch das Shooting. Kandidatin Soraya durfte wegen des Jugendschutzes als Einzige mit BH fotografiert werden. Das brachte vor allem Leticia auf die Palme, die partout nicht nackt vor die Kamera treten wollte und sich am Ende von Heidi und dem Produktionsteam überreden (!) lassen musste. Wirkt das nicht ein wenig beschämend? Dass eine erwachsene Frau nicht selbst bestimmen darf, ob sie einen BH trägt oder nicht? Es geht überhaupt nicht darum, dass gleiches Recht für alle gelten sollte. Es geht darum, dass es zum Modelleben nicht dazu gehört, nackt vor die Kamera zu treten. Das ist in der Pornoindustrie so – nicht im Modelbusiness. Oder um es mit den Worten meiner Frau zu sagen: „Wenn Jemand seine Titten nicht zeigen will, soll er halt nicht.“

Die Mädchen sind geschockt: Das erste Nacktshooting steht an! Dabei werden keine Ausnahmen gemacht: Der BH muss auch aus, sonst gibt es kein Foto. Außerdem gibt es wieder weitere Streitereien zwischen Sabine und Greta.Wer wird in die nächste Runde kommen? Bild: Pro7/Glomex
Die Mädchen sind geschockt: Das erste Nacktshooting steht an! Dabei werden keine Ausnahmen gemacht: Der BH muss auch aus, sonst gibt es kein Foto. Außerdem gibt es wieder weitere Streitereien zwischen Sabine und Greta.Wer wird in die nächste Runde kommen? Bild: Pro7/Glomex

Prügelgeschichten vom Schulhof

Der zweite Aufreger der Episode war der Umgang mit Sabine. Das begann bereits beim Casting, dem neben Sabine auch Greta, Anh und Lynn beiwohnen durften. Bei einer Hashtag-Challenge (ich werde langsam zu alt für GNTM) sollten die Models bestimme emotionale Regungen in Selfie-Form packen. Das hatte natürlich wieder mal überhaupt nichts mit dem Modelleben zu tun und sollte bei der Wahl eines passenden Models keine Rolle spielen, aber es ist ja nun mal GNTM. Am Ende gefiel der „Joy“ der extrovertierte Auftritt von Sabine am besten und sie bekam den Job – was unweigerlich zu einer Hasstirade von Rädelsführerin Greta führte, deren einziges Ziel zu sein scheint, besser als Sabine zu sein. Das wirkt so ein wenig wie Gargamel, dessen einziges Lebensziel es ist, die Schlümpfe zu erwischen – auch er wurde damit nicht glücklich. Viel bedenklicher als der Zweikampf ist jedoch, dass wieder einmal fast alle Kandidatinnen gemeinsam auf Sabine eindreschen. Wie auf dem Schulhof gibt es die die zuschlagen (Greta, Brenda), die Anfeuerer (Anh, Lynn) und die Schüler, denen das eigentlich zu weit geht, die aber den Mund nicht aufbekommen (Serlina). Und Sabine muss bei der ganzen Situation noch versuchen, einigermaßen glücklich zu wirken.

Sabines einziger Pluspunkt: Sie musste nicht an dem albernen Synchronwalk teilnehmen bzw diesen ohne Partnerin durchführen. Hier muss ich Greta zustimmen, die den Walk als „beschisssen“ bezeichnete. Nach der ganzen Aufregung vorab hätte mir ein klassischer Lauf genügt. Jeder darf mal laufen, einige sind gut, einige sind schlecht. So musste es wieder etwas besonderes sein. Giuliana und Julia legten dabei einen Lauf hin, der so absurd war, dass ich dachte, gleich springt das Monty-Phyton-Ensemble aus einer Ecke hervor und demonstriert den „Silly Walk“. Bei den beiden Wackelkandidatinnen passte überhaupt nichts. Doch Julia versuchte sich durchzubeißen, während Giuliana den Walk abbrach und ihren Emotionen auf dem Laufsteg freien Lauf ließ. Unprofessionell. Und doch musste Julia gehen. Der Grund lag mal wieder in einer Casting-Einladung. Das neue Prinzip finde ich unglaublich unfair. Ein Casting kann doch nicht retten, dass man schlechter war als eine Konkurrentin. Ein Casting kann auch nicht retten, dass völlig das eigene Körpergefühl fehlt. Giuliana hätte mindestens gemeinsam mit Julia gehen müssen, wenn nicht sogar allein.

Und sonst so:

  • Michalsky machte sich minutenlang über Sabine lustig und ist somit keinen Deut besser als der keifende Lynchmob außerhalb der Jury. Ebenfalls unprofessionell und vollkommen idiotisch. Ein Einschreiten von Heidi wäre nötig gewesen. Stattdessen musste Hayo Partei ergreifen.
  • Serlina wurde vom Fotografen die Modeltauglichkeit abgesprochen. Stattdessen soll sie es lieber mit Schauspielerei probieren. Diese Aussage wird langfristig der letzte Sargnagel für meine Favoritin sein. Sehr schade.
  • Romina weinte bittere Tränen, weil sie nicht mit zur Berliner Fashion Week fahren durfte. Ging es ihr wirklich um den Job oder doch um den tollen, fantastischen, extraordinären Schminkkoffer?
  • Heidi Klum sah mit der Frisur aus, wie ein Pornosternchen der 70er-Jahre und passte damit ideal zum pornösen Grundthema der Sendung.
  • Endlich traten die Coaches wieder in Erscheinung und konnten tatsächlich Fortschritte erzielen. Ich würde mir noch viel mehr „Teachings“ wünschen.

12 Gedanken zu „GNTM-Folge 7: Heidi Klum und das zynische Kompliment“

  1. Kommt es mir nur so vor, oder sind in diesem Jahr die Models öfter halbnackt als je zuvor? Bei gefühlt neun von zehn Shootings und Walks müssen die Mädchen im Schlüpper laufen. Das nervt mittlerweile und ist auch unrealistisch. Ich würde auch gerne mal sehen, wie die Mädchen z.B. in moderner Sportswear rüberkommen. Das Nacktshooting und der Bodypainting-Walk bringen auch nicht viel, wenn…

  2. …die Models vom Hals bis zu dem Knien verpixelt werden. Dann lieber einfach mit Kleidung an.

    Sehr gewundert habe ich mich auch darüber, dass Michalsky, der mir bisher recht sympathisch war, am Mobbing Sabines teilnimmt, anstatt dem etwas entgegenzusetzen und die Mädchen, die sich darin besonders hervortun, zur Rede zu stellen.

  3. Mal wieder hätte man es besser nicht ausdrücken können, lieber Kevin. Heidis unterbelichtete Überbelichtung, pornöse Pudelfrisuren, überflüssige Nacktshootings, denn ja – wenn jemand seine Titten nicht zeigen will, soll er halt nicht. Michalskys absolut unnötigen, unqualifizierten und unprofessionellen Sticheleien, Bitch-Fights die keiner mehr sehen kann, Hashtag Challenges

  4. (Kann man die Kommentarfunktion irgendwie um ein paar Zeichen erweitern? Vielleicht liegt das ungewohnte „Stillschweigen“ hier auch daran) ….was auch immer, ich war bei Hashtag Challenges (auch ich habe diese Staffel zum ersten Mal „I’m too old for this shit“ gemurmelt. Alles in allem irgendwie sehr unbefriedigend, mit gestellten Castings, unfairen Entscheidungen, einem absolut bescheuertem und

    1. Hallo Natalie, wir haben einen Fehler in der Kommentarfunktion gefunden und Du solltest nun wieder genügend Platz und Raum haben, damit Deine Kommentare nicht zerstückelt werden.

  5. einfallslosem Catwalk Motto… Einziges Higlight ist dein Summary, lieber Kevin. Aber bitte: Mehr Zeichen… die zweitgrößte Freude nach deinen Einträgen ist das Diskutieren im Kommentarbereich. Make the comment section great again! 🙂

    1. Dem stimme ich zu. Eine zu starke Einschränkung der Textmenge pro Kommentar erschwert es, eine lebendige Diskussion zu gestalten.

  6. Danke für den kritischen Beitrag. In der Sache bezüglich des Nacktshootings stimme ich absolut zu. Bei aller Liebe dem Format „GNTM“ gegenüber und dem Wissen darüber, dass es sich um eine Unterhaltungssendung handelt, muss ich doch zugeben, dass das die Momente sind, in dem einfach die Geschmacksgrenzen überschritten werden. Mal abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass es für die …

  7. … Modelkarriere nötig ist, sich auszuziehen, finde ich die Aussage dahinter einfach einfach unangemessen. Julia hat es in ihrem Shooting in ihrer schüchterenen Art ja recht gut auf den Punkt gemacht, indem sie sagte, dass man das halt als Model einfach tun müsse, sich auszuziehen. Das ist etwa so, als würde man sagen „Man muss sich eben von den Mitschülern mobben lassen, um sein Abitur zu …

  8. … machen“ oder „Man muss sich eben vom Chef begrapschen lassen, um seinen Job zu behalten, ist eben so“. Zumal bei Fata letzte Staffel auch eine Ausnahme beim Nacktshooting gemacht wurde. Respekt, dass Leticia bis zum Schluss versucht hat, ihre persönliche Würde zu bewahren.
    Schade eigentlich, denn die Folge war ansonsten sehr gut in Sachen Abwechslung und Präsentation (Bühnenbild, etc.).

  9. Naja, ich fand Leticias comicfigurenartiges Schmollen eher kindisch und albern.

    Und ehrlich gesagt finde ich auch nicht, dass Julia zu Unrecht gehen musste. Ich kann mir bei bestem Willen mit ihrer verhuschten Art nicht vorstellen, dass sie jemals ein Casting überlebt. Und das ist nun mal die Essenz des Jobs.

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